Wien Modern Web Special
Am Grabe …

Ein radiophones Audio-Ritual in (bislang) 11 Folgen
Alper Maral & Stefan Fricke 2015 ff.

Passend zum Festivalthema Die letzten Fragen haben Stefan Fricke und Alper Maral eine Hör-Reise zu Grabstätten berühmter Komponisten gemacht. Bislang elf verschiedene «Tombeaux» von Wien bis Bayreuth wurden mit Mikrofon und Aufnahmegerät besucht. Die dort entstandenen Aufnahmen werden im Rahmen von Wien Modern 2016 online uraufgeführt – oder heißt es in dem Fall urgestreamt? Sieben davon kann man ja theoretisch beim Wien Modern-Konzert am Zentralfriedhof am 27.11.2016 vor Ort anhören, aber wie klingt Boulez’ letzte Ruhestätte in Baden-Baden, Stockhausens in Kürten, Madernas in Darmstadt oder Richard Wagners in Bayreuth?


Stefan Fricke und Alper Maral am Wiener Zentralfriedhof © Wolfgang Liebhart

Von Alper Maral & Stefan Fricke

Grabesstille gibt es genauso wenig, wie es nirgends je still ist; irgendwas tönt immer. Natürlich auch an den Gräbern von Komponisten und Komponistinnen, wo auch immer sie bestattet sind. Wiederholt besuchten wir in der letzten Zeit, gemeinsam oder einzeln, die letzten Ruhestätten von verschiedenen prominenten Tonkünstlern, deren Werke in der großen Musikgemeinde eine Rolle spielten und spielen, deren Ästhetik auch in unserem Leben von Bedeutung war oder immer noch ist. Doch waren und sind die Friedhofsbesuche weder Wallfahrten noch Momente einer Hagiolatrie; uns interessiert, wie die Umgebungen der jeweiligen Grabmäler klingen – ein Audio-Ritual. Was hören wir am Grabe von X oder Y? Und was zeichnet das Aufnahmegerät auf, wenn wir es für eine gewisse Zeit auf Record stellen und es später wieder abholen? Mitunter ganz Erstaunliches. Da ruft ein Junge am Grabe Richard Wagners in Bayreuth: «Boah, jetzt kann ich mir das vorstellen» (zu Beginn der ansonsten völlig breiig geratenen, informationswabernden Aufnahme, wohl ein technischer Defekt, keine Mikrofonierungsintention). Am Darmstädter Grabe Bruno Madernas verabredet sich (gegen Ende der Aufnahme) per Mobiltelefon ein Passant – «bis gleich» sagt er, sicher in dem Moment nicht daran denkend, wie doppeldeutig bzw. zutreffend diese Verabschiedungsfloskel auf einem Friedhof tönt.

Ausschnitte der Audioprotokolle, die wir an jedem der Gräber gemacht haben (auch wenn sie auf dem Wiener Zentralfriedhof dicht bei dicht liegen und tagsüber fast minütlich ein Flugzeug über allem lärmt), prägen die einzelnen Stücke, die nicht immer, aber oft und über weite Strecken (sofern das überhaupt möglich ist) akustische Eins-zu-Eins-Wiedergaben der Kurzzeitsituationen sind – auch als Aufnahmezustand mit allen technischen Unzulänglichkeiten. Bisweilen haben wir dennoch nachträglich in die mikrofonierten Texturen eingriffen, mithin das Material gar leicht manipuliert. Vier Minuten und etwas mehr dauert jede Memorial-Sequenz; eine Reverenz an das Mutterstück aller musikalisierten Stille 4′33″ (1952) von John Cage (1912–1992). Die Gründe für das Projekt Am Grabe … sind für uns beide recht unterschiedlich. Alper Maral beschäftigt sich schon seit längerem intensiv mit dem Thema Tombeau-Kompositionen, mehrfach hielt er Vorträge bei dem nahezu jährlich in Istanbul stattfindenden, interdisziplinären Symposium Ölüm – Sanat – Mekân (Tod – Kunst – Raum). Stefan Fricke hat sich bei diesem In-Memoriam-Field-Recording-Konzept an ein nicht realisiertes Vorhaben von George Brecht (1926–2008) erinnert, der vorhatte, die Meisterwerke der bildenden Kunst in den Museen dieser Welt zu mikrofonieren. Das 2015 begonnene Projekt Am Grabe … ist ein Work-in-Progress, eine, solange es emphatische Musik auf der Welt geben wird, nie enden sollende und könnende Sammlung von Hommagen.

1. Am Grabe Ludwig van Beethovens (Wien) AM
2. Am Grabe Pierre Boulez’ (Baden-Baden) SF
3. Am Grabe Johannes Brahms’ (Wien) AM
4. Am Grabe György Ligetis (Wien) SF
5. Am Grabe Bruno Madernas (Darmstadt) SF
6. Am Grabe Arnold Schönbergs (Wien) SF
7. Am Grabe Franz Schuberts (Wien) AM
8. Am Grabe Karlheinz Stockhausens (Kürten) AM
9. Am Grabe Richard Wagners (Bayreuth) SF
10. Am Grabe Hugo Wolfs (Wien) SF
11. Am Grabe Joe Zawinuls (Wien) AM

Alper Maral (*1969 Istanbul) studierte Politik- und Sozialwissenschaften an der Universität Istanbul, anschließend – nach langjähriger freiberuflicher künstlerischer Tätigkeit – Komposition an der Ege-Universität in Izmir; 2010 erfolgte die musikologische Promotion. Der Komponist, Musikwissenschaftler und Instrumentalist (Jazzklavier, Blockflöte, Bassposaune), der in Istanbul zahlreiche Ensembles für Alte Musik und für Neue Musik mitbegründete, lehrt als Professor an der Technischen Universität Yildiz in Istanbul.

Stefan Fricke (*1966 Unna/Westfalen) studierte Musikwissenschaft und Germanistik an der Universität des Saarlandes, ist Mitbegründer des Pfau-Verlags und arbeitet als Redakteur für neue Musik/Klangkunst beim Hessischen Rundfunk (hr2-kultur) in Frankfurt am Main. Stefan Fricke lebt bei Frankfurt am Main in der Wetterau.

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